Praktika für die Berufswahl
"Wer sich viel austestet, findet eher das Richtige."
Warum Praktika die beste Entscheidungshilfe bei der Berufswahl sind.
Ein Praktikum bietet jungen Menschen erste Einblicke in den Alltag eines Unternehmens. Dabei zeigt sich, ob die Arbeit und das Betriebsklima zu den Jugendlichen passen. Gerade im Handwerk gehören Praktika zu den wichtigsten Hilfen für eine gute Berufswahl.
Praktika sind für Unternehmen und Ausbildungssuchende eine wichtige Möglichkeit, zueinander zu finden. Um dies in der Praxis auszuprobieren, suchte daher auch Tina Heliosch, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Osnabrück, den persönlichen Kontakt mit dem mittelständischen Unternehmen „Aschemann & Koch Haustechnik“. Im Austausch mit Inhaber Dirk Barkhüser wurde schnell deutlich, dass auch dieser Handwerksbetrieb auf Praktika als Grundlage für die Nachwuchsgewinnung setzt.
Ob Heliosch jetzt nach dem Praktikum nun einen Berufswechsel anstrebt? Das nicht. Der Austausch mit Inhaber, Gesellen und Auszubildenden hat ihr jedoch die Chancen des Praktikums nochmals verdeutlicht.
Aschemann & Koch Haustechnik feierte 2024 sein hundertjähriges Bestehen und beschäftigt 35 Mitarbeiter. Das Unternehmen bietet jedes Jahr vier Ausbildungsstellen an, je zwei für den Bereich Sanitär, Heizung, Klima sowie Elektro. Anfang Mai waren alle vier Ausbildungsplätze bereits besetzt, anders als in den Vorjahren.
Barkhüser: Es ist eine erfreuliche Entwicklung. Vor ein paar Jahren noch kamen die Bewerbungen erst später bei uns an. Seit ein, zwei Jahren erreichen uns die Anfragen auch schon im Dezember oder Januar. Das Interesse an einer Ausbildung im Handwerk wächst offenbar wieder.
Heliosch: Sehen Sie da einen Trend?
Barkhüser: Naja, man merkt schon, dass den Jugendlichen weniger eingeredet wird, unbedingt Abi machen und studieren zu müssen. Die jungen Leute sehen inzwischen auch, dass man erst eine Ausbildung machen und sich dann immer noch bei Bedarf für eine Weiterbildung oder ein Studium entscheiden kann.
Heliosch: Und man verdient nicht nur direkt beim Einstieg sein erstes Geld. Insgesamt können sich die Verdienstmöglichkeiten im Laufe des Berufslebens im Handwerk sehen lassen. Was ist denn aus Ihrer Sicht wichtig für junge Menschen, um sich für einen passenden Berufsweg zu entscheiden?
Barkhüser: Ganz klar Praktika! Wer in einen Betrieb geht, der stellt dann ja fest, ob die Arbeit einem Spaß macht und liegt. Man sieht auch, ob die zwischenmenschliche Chemie stimmt. Ich als Arbeitgeber muss in der Situation für mich ebenfalls entscheiden: Könnte die Ausbildung erfolgreich verlaufen? Passt der junge Mensch in das Team?
Heliosch: Was für Praktika bieten Sie denn an?
Barkhüser: Wir nutzen vor allem Schnupperpraktika in den Ferien. Gerne in den Osterferien, wenn es um Ausbildungsplätze für das folgende Jahr geht. Praktika sind zwar keine Pflicht. Sie helfen aber beiden Seiten, eine Entscheidung abzusichern. Es werden Berührungsängste bei der Technik oder dem Baustelleneinsatz abgebaut. Ich kann mich jetzt an keinen einzigen Bewerber oder eine Bewerberin erinnern, der oder die ein Praktikum absolviert hat und nicht in die Ausbildung eingestiegen wäre.

Bildunterschrift: „Tina Heliosch (Leiterin der Agentur für Arbeit Osnabrück) tauschte sich mit Dirk Barkhüser, dem Inhaber von Aschemann & Koch, rege über die Vorteile von Praktika bei der Nachwuchsfindung aus.“
Heliosch: Was für junge Menschen bewerben sich bei ihnen?
Barkhüser: Meist sehr interessierte, motivierte junge Leute. Auch junge Frauen haben schon eine Ausbildung bei uns absolviert. Unser gutes Arbeitsklima hat sich offenbar herumgesprochen. Und die Arbeit im Handwerk bietet auch Sicherheit. Da stehen wir im Moment etwas besser da als die Industrie. Immer mehr Bewerber haben einen Migrationshintergrund. Da müssen wir nur sehen, dass das Sprachniveau nicht unterhalb des Niveaus von B1 bzw. B2 liegt. Es muss ja sicher sein, dass unser Azubi auch in der Berufsschule mitkommt. Hilfreich ist es, privat möglichst viel deutsch sprechen zu müssen. Wir sind inzwischen vielfältig in unserem Unternehmen. Demografisch bedingt ist das die Zukunft.
Heliosch: Wie unterstützen Sie Ihre Azubis?
Barkhüser: Die erfahrenen Kollegen sind sehr geduldig und helfen, so gut es geht. Jeder hat mal angefangen. Hier im Betrieb haben wir eine Übungswand. Und, wenn die Unterstützung nebenbei nicht reicht, Nachhilfe für die Berufsschule nötig wird, greifen wir auf den über die Agentur für Arbeit angebotenen Nachhilfeunterricht zurück.
Heliosch: Das klingt gut. Schön, dass Sie auch die ausbildungsbegleitenden Hilfen von der Arbeitsagentur nutzen. Bevor wir gleich in die Praxis reinschnuppern, hätte ich noch eine Frage: Was würden Sie sich wünschen, um die duale Ausbildung weiter in den Fokus zu rücken?
Barkhüser: Wir brauchen noch mehr Zeit für Praktika. Gerade im Schuljahrgang 11 ist da sicher noch mehr möglich. Es ist schlicht so: Wer sich viel austestet, findet eher das Richtige. Und vermeidet dadurch manchmal nicht weiterbringende Schulschleifen oder so manche abgebrochene Ausbildung.
Auf einem Baustelleneinsatz treffen die Chefin der Arbeitsagentur und Firmenchef auf Thomas Galitz und Till Hedemann. Galitz, Geselle im dritten Jahr, wird dort von Hedemann, einem Auszubildenden im ersten Jahr unterstützt. Es steht eine Badsanierung in einem Mehrfamilienhaus an. Die aktuelle Umbauphase wird dort von den zweien gestemmt.
Beim Eintreffen erklären die beiden, was als nächstes ansteht. Das Team wirkt eingespielt. Dabei erklärt Galitz, der nebenbei erzählt, dass er vor der Ausbildung eine Förderschule besuchte, was für ihn die Arbeit im Handwerk ausmacht.
Dann darf Tina Heliosch auch selber aktiv werden. Die Aufhängungen für den Spülkasten müssen gebohrt werden. Mit fachmännischer Anleitung gelingt dies ganz gut. Im Austausch mit den beiden jungen Männern wird deutlich: sich trauen, weil es nichts zu verlieren gibt, außer einer Chance. Das bestätigen beide. So hat Hedemann die Ausbildungsstelle erhalten, weil er einfach zum Hörer gegriffen und nach der Ausbildungsstelle gefragt hat. Nach dem Praktikum war für beide Seiten klar: Das passt.
Hedemann hatte schon immer Spaß am Werkeln und wollte die „normale“ Berufsausbildung schaffen. Bei „Aschemann & Koch“ fand er das richtige Umfeld. Zwischenzeitlich unterstützt er andere beim Einstieg in seinem Traumausbildungsberuf. Beide haben sichtbar Spaß daran anzupacken und sind stolz auf das, was sie schaffen.
Und für Tina Heliosch geht’s nach dem spannenden Einblick doch wieder zurück in die Agentur für Arbeit. Werbung für die „Praktikumswoche“, die in der Region Osnabrück am 02. Juli startet, machen. Um möglichst viele Unternehmen und junge Menschen über ein Praktikum zusammenzubringen.
„Praktikumswoche“ in der Region Osnabrück:
Praktika sind für junge Menschen heute enorm wichtig, um sich beruflich zu orientieren. Bis zu fünf Praktika in bis zu fünf Tagen – das verspricht die „Praktikumswoche“ interessierten Jugendlichen in der Region Osnabrück. Zum fünften Mal findet dieses spezielle Praktikumsangebot in den Sommerferien statt, dieses Mal im Zeitraum zwischen dem 02. Juli und dem 12. August. In diesem Zeitfenster können sich Jugendliche auf der Internetplattform der „Praktikumswoche“ anmelden und sich maximal eine Fünf-Tage-Woche mit Praktika bei teilnehmenden Unternehmen (in jedem davon genau einen Tag) zusammenstellen.
ausbildungsbegleitende Hilfen:
„Ausbildungsbegleitende Hilfen“ (abH) – heute meist als „Assistierte Ausbildung flexibel“ (AsA flex) bezeichnet – sind kostenlose Unterstützungsangebote der Agentur für Arbeit. Sie helfen Auszubildenden und Betrieben, wenn schulische, sprachliche oder persönliche Probleme den erfolgreichen Abschluss der Lehre gefährden. Zu den Angeboten zählen Nachhilfeunterricht, eine sozialpädagogische Begleitung und eine betriebliche Unterstützung, um das Ausbildungsverhältnis zu stabilisieren.
Bildunterschrift Titelbild: „Tina Heliosch (Leiterin der Agentur für Arbeit Osnabrück, Bildmitte) begleitete Azubi Till Hedemann (im Bild links) und Fachkraft Thomas Galitz zu einer Badsanierung.“
Fotos: Agentur für Arbeit