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3 Personen - Geschäftsführer/in der IHK, Agentur für Arbeit und HWK
04.11.2021

Die Pandemie prägt den Ausbildungsmarkt – Eine Besserung für das laufende Jahr ist in Aussicht.

Die Corona-Pandemie hat den Ausbildungsmarkt des vergangenen Jahres stark beeinflusst. Die Bewerberzahlen gingen deutlich zurück – trotz noch weiterhin bestehender guter Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Perspektivisch könnte sich der Ausbildungsmarkt aber wieder erholen.

Die Pandemie hat im Ausbildungsjahr 2020/2021 ein deutliches Zeichen gesetzt: Gut 16 Prozent weniger junge Menschen in der Region (in Zahlen: 2.574) bewarben sich um einen Ausbildungsplatz. Diesen gegenüber stand ein nur leicht gesunkener Pool an gemeldeten Ausbildungsstellen – 4.354 Stellen (ein Rückgang um drei Prozent). Rein rechnerisch hätte somit jeder Bewerber aus einem Angebot von 1,7 Ausbildungsstellen wählen können. Dennoch blieben 105 Bewerber bis Ende September unversorgt, 26,6 Prozent weniger als im vorausgegangenen Jahr. 486 Ausbildungsstellen – 24,3 Prozent mehr als im Vorjahr – blieben unbesetzt.

Fern: Berufliche Ausbildung wichtige Grundlage für berufliche Existenz.

„Um junge Menschen für Ausbildungen zu gewinnen, führt kein Weg an den Schulen vorbei. Das gilt sowohl für die Arbeitsagentur, wenn es darum geht, berufliche Orientierung zu vermitteln, als auch für Betriebe, die sich vorstellen wollen, um Schüler für Praktika zu gewinnen. Das alles konnte in der Pandemie lange Zeit nicht stattfinden, und das zeigt sich jetzt deutlich in den Bewerberzahlen“, resümiert Christiane Fern, Vorsitzende der Geschäftsführung der Osnabrücker Arbeitsagentur. „Die Zahl der unbesetzten Stellen zeigt ja, wir groß die Ausbildungsbereitschaft in der Region ist. Umso bedauerlicher ist es, dass die jungen Menschen nicht die Chance beim Schopf packen und sich einen Ausbildungsplatz sichern. Gerade in diesem Jahr wären die Optionen vielfältig gewesen. Und ich muss immer wieder betonen: Eine berufliche Ausbildung ist die wichtigste Grundlage für einen erfolgreichen Berufsweg.“

Tendenz zum Bewerbermarkt, vor allem Stellen im Verkauf unbesetzt geblieben.

Die Tendenz zum „Bewerbermarkt“, an dem sich kommende Azubis ihre Betriebe zunehmend aussuchen könnten, habe sich in den vergangenen Jahren verstärkt, so die Expertin. Dies sei eine „ungesunde Entwicklung“. So konnte gerade in bestimmten Bereichen die Nachfrage nach jungem Nachwuchs nicht vollständig bedient werden. Unter den noch offenen Stellen befanden sich gut 60 aus dem Bereich Verkauf bzw. Fachverkauf (Bäckerei, Fleischerei), 45 für angehende Kaufleute (Einzelhandel, Büromanagement) sowie diverse weitere in der Lagerlogistik oder bei Kurier-, Express- und Postdienstleistern. „Beim Verkauf haben wir im letzten Jahr den stärksten Einbruch hinsichtlich der Bewerberzahlen registriert. Gerade dort hat Corona die Möglichkeiten, fachlichen Nachwuchs zu gewinnen, im vergangenen Jahr am nachdrücklichsten eingeschränkt“, so Fern. Für das kommende Jahr sei aber wieder mehr Konkurrenz unter den Bewerbern zu erwarten. „Die Umstellung an den allgemeinbildenden Schulen auf G9 hatte 2020 die Schulentlasszahlen deutlich gedrückt, die Pandemie mit ihren Folgen wiederum im Folgejahr eine vergleichbare Wirkung auf die Bewerberzahlen“, erläutert Fern. „Im nächsten Jahr aber verlassen gut doppelt so viele junge Menschen die Schule als noch 2020, und die Auswirkungen von Corona sollten sich weniger stark auswirken als im abgelaufenen Ausbildungsjahr. Wir rechnen daher damit, dass sich die Konkurrenz auf dem Ausbildungsmarkt beleben wird und auch wieder mehr Stellen besetzt werden können.“

Statement Handwerkskammer: Ausbildungszahlen verbessert im Jahresvergleich.

Im gesamten Kammerbezirk Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim wurden bis Ende September 2.484 neue Ausbildungsverträge im Handwerk abgeschlossen. Im Vorjahresvergleich ist das ein Anstieg von 5,5 Prozent. In der Region Osnabrück haben sich insgesamt 1.231 junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk entschieden (Stadt Osnabrück: 384; Landkreis Osnabrück: 847). Dies bedeutet eine Zunahme von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings konnte das Niveau vor Beginn der Corona-Pandemie noch nicht wieder erreicht werden. Die Stadt Osnabrück verzeichnet einen Rückgang von 4,2 Prozent, der Landkreis ein Minus von 5,3 Prozent. In nahezu allen Bereichen des Handwerks besteht wegen der anhaltend hohen Nachfrage nach handwerklichen Leistungen in den Betrieben ein großer Bedarf an Auszubildenden und Fachkräften. Das Handwerk sucht händeringend Nachwuchskräfte, um auch in Zukunft handwerkliche Qualitätsprodukte anbieten zu können. „Insbesondere die Eltern sollten ihre Kinder darin bestärken, den Weg in eine krisensichere handwerkliche Berufsausbildung einzuschlagen“, so Anna Brockhoff, Geschäftsführerin des Dezernats Berufsbildung & Recht bei der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim.

Statement Industrie- und Handelskammer: Ausbildungsbereitschaft weiterhin groß.

„Die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen ist unverändert hoch. Für die regionalen Unternehmen bleibt es aber eine große Herausforderung, ihren Fachkräftenachwuchs über die Ausbildung zu sichern. Gründe sind die demografische Entwicklung sowie der anhaltende Trend zur höheren Schulbildung und zum Studium. Aufgrund der Pandemie ausgefallene Veranstaltungen zur Berufsorientierung haben diesen Trend noch verstärkt", erläutert Eckhard Lammers, IHK-Geschäftsbereichsleiter Aus- und Weiterbildung. Bis Ende September 2021 registrierte die IHK im Agenturbezirk Osnabrück 2.238 neue Ausbildungsverträge. Dies entspricht einem Anstieg von 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dieser Anstieg hätte noch deutlicher ausfallen können, wenn es den Betrieben gelungen wäre, die zahlreichen offen gebliebenen Ausbildungsplätze insbesondere im gewerblich-technischen Bereich zu besetzen. So ist bei den gewerblich-technischen Ausbildungsberufen ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen (minus 5,1 Prozent), der allerdings durch Zuwächse in den kaufmännischen Ausbildungsberufen (plus 3,3 Prozent) überkompensiert werden konnte. Die IHK unterstützt den Prozess der Berufsorientierung und den Übergang von der Schule in den Beruf ganz intensiv durch Initiativen und Projekte wie die passgenaue Besetzung, Ausbildungsbotschafter und Azubi-Speed-Datings in bewährter Kooperation mit den regionalen Partnern. „Auf dem Ausbildungsmarkt ist nach wie vor Bewegung und die Ausbildungsbetriebe bieten freie Ausbildungsstellen in unterschiedlichen Branchen an. Unser Appell an alle, die jetzt noch einen Ausbildungsplatz suchen: Nutzen Sie die Chancen, die geboten werden", so Lammers.

Statement IG Metall: Ausbildung bleibt Fundament für erfolgreichen Berufsweg.

Der Ausbildungsmarkt ist in diesem Jahr vor allem durch die Pandemie geprägt gewesen. Hinzu kommt, dass die duale Ausbildung gegenüber anderen Alternativen an Attraktivität verloren hat. Die IG Metall schlägt Alarm und will mit aller Kraft diesen Trend umkehren!

Stephan Soldanski, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Osnabrück und alternierender Vorsitzender des Verwaltungsausschusses der Agentur für Arbeit, sagt: „Eine gute Ausbildung ist und bleibt das Fundament für einen erfolgreichen Start in das Berufsleben. Wer Fachkräfte braucht, muss diese auch ausbilden. Das gilt auch und gerade in Krisenzeiten.“

 

Auf einen Blick:

Ausbildungsstellen Die Zahl der bei der Agentur für Arbeit und den Jobcentern gemeldeten Stellen ist gegenüber dem Vorjahr auf 4.354 gesunken (minus 135 bzw. minus 3,0 Prozent).

Bewerber/innen Die Zahl der Bewerber/innen um einen Ausbildungsplatz ist auf 2.574 gesunken (minus 489 bzw. minus 16,0 Prozent).

Unversorgte Bewerber/innen und unbesetzte Ausbildungsstellen Die Zahl der Ende September noch unversorgten Jugendlichen ist auf 105 gesunken (minus 42 bzw. minus 28,6 Prozent). Es sind 486 Stellen unbesetzt geblieben (plus 95 bzw. plus 24,3 Prozent)

 

Foto von links: Anna Brockhoff, Geschäftsführerin des Dezernats Berufsbildung & Recht bei der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, Christiane Fern, Vorsitzende der Geschäftsführung der Osnabrücker Arbeitsagentur, Eckhard Lammers, IHK-Geschäftsbereichsleiter Aus- und Weiterbildung. 

Quelle: Agentur für Arbeit